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Stereotype in Schulbüchern: Was Kinder über Berufe lernen

Schulbücher zeigen Ärzte als Männer und Pflegerinnen als Frauen – und das prägt Kinder nachhaltiger, als viele ahnen. Stereotype in Schulbüchern beeinflussen die Berufswahl nach Geschlecht schon lange bevor Jugendliche überhaupt darüber nachdenken. Dieser Artikel beleuchtet, was die Forschung dazu sagt und was Eltern und Lehrkräfte konkret tun können.

Stereotype in Schulbüchern: Was Kinder über Berufe lernen

Ein Feuerwehrmann löscht den Brand. Eine Krankenschwester pflegt den Patienten. Der Vater arbeitet im Büro, die Mutter kocht in der Küche. Wer Schulbücher aus den 1980er und 1990er Jahren kennt, dürfte solche Bilder sofort wiedererkennen. Doch auch aktuelle Lehrwerke sind längst nicht so frei von Stereotypen Schulbüchern, wie Verlage und Bildungspolitik gerne behaupten. Was Kinder zwischen Grundschule und Sekundarstufe über Berufe lernen, hängt stark davon ab, welche Personen in ihren Büchern welche Rollen einnehmen – und das formt Haltungen oft tiefer als jeder Unterrichtsstoff.

Bilder prägen früher als Worte

Kinder sind keine passiven Konsumenten von Unterrichtsmaterial. Schon im Grundschulalter ordnen sie das, was sie sehen und lesen, in mentale Schemata ein. Wenn auf zwanzig Illustrationen eines Sachkundehefts achtzehn Ärzte männlich und siebzehn Pflegepersonen weiblich dargestellt werden, zieht das Gehirn Schlüsse – ganz ohne dass eine Lehrerin oder ein Lehrer das Thema explizit anspricht. Dieser Mechanismus ist gut erforscht: Die Kognitionswissenschaft nennt ihn implizites Lernen.

Besonders wirksam sind dabei nicht die Texte, sondern die Bilder. Eine Analyse des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung aus dem Jahr 2021 untersuchte rund 80 deutschsprachige Grundschulbücher und stellte fest, dass Frauen auf Abbildungen zwar inzwischen häufiger in Berufsumgebungen gezeigt werden als früher – aber überwiegend in sozialen und pflegerischen Berufen. Männer hingegen dominieren weiterhin technische, handwerkliche und Führungsberufe. Die Rollenbilder Kinder aufnehmen, sind also subtiler geworden, aber nicht verschwunden.

Hinzu kommt das Problem der Sichtbarkeit: Welche Berufe kommen in Schulbüchern überhaupt vor? Informatikerin, Ingenieurin oder Unternehmensberaterin tauchen deutlich seltener auf als Lehrerin, Ärztin oder Verkäuferin. Das verengt den Horizont, bevor Kinder überhaupt über ihre Zukunft nachdenken.

Was Studien zu Rollenbildern in Lehrwerken zeigen

Die Forschungslage ist eindeutiger, als viele erwarten. Bereits 2011 wies eine Studie der Universität Bielefeld nach, dass Schulbücher für den Deutschunterricht Mädchen und Frauen häufiger in häuslichen Kontexten zeigen, während Jungen und Männer stärker in öffentlichen Räumen und Berufsfeldern verortet werden. Neuere Studien bestätigen diesen Trend für mehrere Fächer.

Besonders auffällig ist die Sprache. Generisches Maskulinum – also „der Arzt", „der Lehrer", „der Ingenieur" – ist in vielen Lehrwerken nach wie vor Standard, selbst dort, wo Verlage auf geschlechtsneutrale Formulierungen geachtet haben wollen. Wenn ein Kind immer wieder liest, „der Astronaut reist ins All", verankert sich diese Vorstellung als selbstverständlich männlich – unabhängig davon, ob das Kind selbst ein Mädchen ist, das von einer Weltraummission träumt.

Dass sich die Beteiligung von Frauen in wissenschaftlichen und technischen Berufen langsam verändert, ist auch ein Ergebnis davon, welche Vorbilder Mädchen im Schulalter finden – oder eben nicht finden. Schulbücher sind dabei ein unterschätzter Faktor.

„Schulbücher sind keine neutralen Wissensvermittler. Sie transportieren immer auch gesellschaftliche Normen – und entscheiden damit mit, welche Träume Kinder für erreichbar halten."

– Prof. Dr. Claudia Mahs, Erziehungswissenschaftlerin, Universität Hildesheim (sinngemäß nach einem Vortrag auf der Fachtagung Genderforschung in der Schule, 2022)

Berufswahl nach Geschlecht: Wo fängt es an?

Die Berufswahl ist selten eine freie, rationale Entscheidung. Sie ist das Ergebnis jahrelanger Eindrücke, sozialer Erwartungen und der Frage: „Kann das jemand wie ich überhaupt sein?" Schon Vierjährige zeigen in Studien klare Vorstellungen davon, welche Berufe zu welchem Geschlecht gehören – und diese Vorstellungen haben sie nicht aus dem Nichts.

Schulbücher sind dabei nur ein Baustein, aber ein strukturell wichtiger: Sie sind staatlich zugelassen, gelten als Autorität und erreichen fast alle Kinder. Eine Broschüre, die ein einzelner Elternteil zu Hause liest, hat einen anderen Stellenwert als ein Buch, das über fünf Schuljahre hinweg täglich aufgeschlagen wird.

Besonders folgenreich sind die Klassen eins bis sechs. In dieser Phase entwickeln Kinder laut entwicklungspsychologischen Befunden ihre sogenannten beruflichen Prototypen – also die innere Vorstellung davon, wie ein Mensch in einem bestimmten Beruf aussieht, spricht und sich verhält. Wird der Arzt stets als älterer Mann dargestellt und die Ärztin nie gezeigt, internalisiert das Kind: Das ist ein Männerberuf. Wird die Pilotin nie gezeigt, bleibt dieser Beruf für viele Mädchen symbolisch verschlossen.

Folgende Muster tauchen in der Forschung am häufigsten auf:

  • Technische Berufe (Ingenieur, Mechaniker, IT-Fachmann) werden fast ausschließlich männlich besetzt.
  • Soziale und pflegerische Berufe (Erzieherin, Krankenschwester, Grundschullehrerin) sind überwiegend weiblich dargestellt.
  • Führungspositionen (Direktorin, Chefin, Politikerin) werden bei Frauen deutlich seltener illustriert als bei Männern.
  • Handwerk gilt in Bilddarstellungen als männlich dominiert, obwohl Berufe wie Friseurin oder Schneiderin Ausnahmen bilden.
  • Kreative Berufe werden vergleichsweise ausgeglichen dargestellt – aber nur, wenn sie keinen hohen sozialen Status haben.
  • Wissenschaft und Forschung werden in Schulbüchern selten überhaupt gezeigt; wenn, dann überwiegend männlich.

Was Verlage und Kultusministerien tun – und was nicht

In Deutschland sind die Bundesländer für die Zulassung von Schulbüchern zuständig. Mehrere Kultusministerien haben in den vergangenen Jahren Leitlinien für gendergerechte Sprache und Darstellung herausgegeben. Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen setzen dabei andere Schwerpunkte als Berlin, Hamburg oder Thüringen. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich: Dasselbe Lehrwerk kann in einem Bundesland zugelassen sein und in einem anderen nicht.

Verlage wie Cornelsen, Klett oder Westermann haben eigene Redaktionsleitlinien entwickelt, die auf Diversität in der Darstellung abzielen. Manche Lehrwerke neuerer Jahrgänge zeigen tatsächlich deutliche Verbesserungen: mehr weibliche Vorbilder in MINT-Kontexten, mehr männliche Figuren in Pflegeberufen, häufigere Verwendung von Gendersternchen oder Doppelpunkt. Aber diese Veränderungen sind nicht systematisch und nicht flächendeckend.

Ein strukturelles Problem bleibt: Schulbücher haben lange Lebenszyklen. Ein 2015 gedrucktes Buch kann noch 2025 im Unterricht verwendet werden. Selbst wenn ein Verlag heute ein mustergültiges Lehrwerk produziert, braucht es Jahre, bis es alle Schulen erreicht.

Was Eltern und Lehrkräfte konkret tun können

Weder Eltern noch Lehrkräfte müssen warten, bis Verlage und Ministerien nachziehen. Kritische Medienkompetenz lässt sich üben – auch anhand von Schulbüchern. Wer Kindern beibringt, Darstellungen zu hinterfragen, gibt ihnen ein Werkzeug für das ganze Leben.

Wie Eltern und Schulen gezielt das Interesse von Mädchen an naturwissenschaftlichen und technischen Fächern fördern können, ist ein eigenes, weites Thema. Aber schon kleine Interventionen im Alltag machen einen Unterschied: die Berufswahl von Frauen aus dem eigenen Umfeld sichtbar machen, Bücher mit diversen Rollenvorbildern bewusst wählen, über Schulbuchbilder sprechen statt sie stillschweigend hinzunehmen.

Für Lehrkräfte gibt es inzwischen konkrete Handreichungen. Das Deutsche Institut für internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und mehrere Landeszentralen für politische Bildung bieten Materialien an, die helfen, Schulbuchinhalte gendersensibel zu ergänzen und zu kommentieren. Das setzt natürlich voraus, dass Lehrkräfte selbst entsprechend ausgebildet sind – was in der Lehramtsausbildung nach wie vor zu wenig verankert ist.

Praktische Schritte, die Lehrkräfte im Unterricht umsetzen können:

  1. Bilder analysieren lassen: Kinder zählen, wer in welchem Beruf dargestellt wird, und diskutieren das Ergebnis gemeinsam.
  2. Gegenbeispiele aktiv einbringen: Porträts realer Frauen in MINT-Berufen oder Männer in Pflegeberufen als Ergänzungsmaterial verwenden.
  3. Sprache thematisieren: Was bedeutet es, wenn immer „der Arzt" steht? Kinder für Sprachkonventionen sensibilisieren, ohne ihnen ein Fazit aufzuzwingen.
  4. Eigene Berufsbilder zeichnen lassen: Wer zeichnet eine Ingenieurin, wer einen Krankenpfleger? Die Ergebnisse zeigen oft, welche Bilder bereits verinnerlicht wurden.
  5. Gäste einladen: Frauen in technischen Berufen oder Männer in sozialen Berufen in den Unterricht einladen – lebendige Vorbilder wirken anders als Buchabbildungen.

Warum das kein Randthema ist

Die Konsequenzen verzerrter Berufsbilder in Schulbüchern sind keine abstrakten Gerechtigkeitsfragen – sie haben ökonomische und soziale Folgewirkungen. Der Fachkräftemangel im Pflegebereich ist nicht zuletzt ein Ergebnis davon, dass Pflege als „Frauensache" gilt und deshalb schlecht bezahlt bleibt. Gleichzeitig fehlen Frauen in Ingenieurs- und IT-Berufen, was Unternehmen teuer zu stehen kommt. Beides hängt mit der frühen Prägung durch Rollenbilder zusammen.

Es ist kein Zufall, dass Länder mit ausgewogeneren Schulbuchdarstellungen – Skandinavien wird hier oft zitiert – auch bei der Lohngerechtigkeit und der Beteiligung von Frauen in Führungspositionen besser abschneiden. Schule allein erklärt diesen Befund nicht, aber Schule ist ein relevanter Hebel.

Stereotype in Schulbüchern wirken nicht wie ein lauter Befehl, sondern wie eine leise, beständige Hintergrundmusik. Kinder hören sie, ohne es zu merken. Und am Ende tanzen sie vielleicht nach einer Melodie, die nie die ihre war.